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Als Nina ihr Lachen wiederfand

Was tut ihr genau am Lichtblickhof?
Was ist diese Equotherapie?
 
Wenn Sie sich auch diese Fragen stellen, gibt Ihnen nun Valerie (eine unserer zwölf Pferdetherapeutinnen) Einblick in unseren Alltag am Therapie-Bauernhof in Wien.
 
Eigentlich sollte Nina schon da sein, aber ich kann die Neunjährige nicht finden. Endlich erspähe ich sie in unserem Tipi. Klein und zusammengesackt sitzt sie am Boden und schluchzt, während ihr Vater ratlos vor ihr steht. Ich setze mich zu ihr und frage, ob sie erzählen möchte, was sie gerade so verzweifelt macht. Ob es denn überhaupt Worte dafür gibt?
Lange Zeit umgeben uns Tränen und Stille
Stockend versucht Nina Worte zu finden. Sie könne gar nicht so genau sagen, was sie in letzter Zeit so verzweifelt macht. Es ist nichts Besonderes und doch alles gleichzeitig. Nina ist neun Jahre alt und hat in den vergangenen zwei Jahren große Schicksalsschläge erleben müssen: Ihr jüngerer Bruder Jonas kam mit einer schweren Behinderung auf die Welt. Rund um die Uhr muss er versorgt und gepflegt werden. Ernährt wird er über eine Sonde. Er kann nicht sprechen oder gehen; manchmal nicht einmal selbständig atmen.
Ninas Großmutter wurde seit Jonas Geburt zu ihrer wichtigsten Bezugsperson
Ihre Großmutter war es, die versuchte für Nina da zu sein. Denn die Eltern konnten das in der riesengroßen Fülle der Aufgaben (die allein die Bewältigung des Alltages mit sich brachte) einfach nicht mehr schaffen. Das ganze Leben drehte sich plötzlich nur mehr um Jonas - für Nina blieb kaum Zeit über. Ihre Großmutter konnte ihr jene Zeit, in der nur Nina wichtig und besonders war, schenken. Liebevolle Aufmerksamkeit und Verlässlichkeit, die Nina dringend benötigte und die ihr viel Kraft, Zuversicht und Stabilität gab.
Vor einem Jahr verstarb ihre Großmutter plötzlich und unerwartet
Ein riesengroßer Schock und unglaublicher Verlust für alle - vor allem aber für Nina. Nur ein paar Wochen später brachte die Corona Situation noch mehr Isolation und Kontaktabbrüche. Die Familie war komplett auf sich allein gestellt. Allein mit Arbeiten, der Pflege eines schwerstbehinderten Kindes und Nina, die sich in ihrer Trauer und Lebenserschütterung immer mehr und stärker zurückzog. Bis es nicht mehr aushaltbar war: Nina verweigerte neben vielem anderen auf einmal auch das Essen.
Mein erstes Kennenlernen mit Nina war von stiller Ablehnung und Gleichgültigkeit geprägt
Es schien als gäbe es in ihr keine Freude oder Neugier mehr. Ein neunjähriges Mädchen, das kein Interesse am Leben zu haben schien. Und auch nicht daran teilhaben wollte. Wir einigten uns darauf, dass ich ihr Tamino, eines unserer erfahrenen und sehr sensiblen Therapiepferde, vorstelle. Dann könne sie entscheiden, ob sie in ein paar Tagen wiederkommen möchte oder nicht.
 
Nina kam wieder. Tamino suchte stets Kontakt zu ihr, auch wenn seine Versuche in den ersten Wochen nach unserem Kennenlernen kaum Reaktion oder Gefühlsregungen hervorzurufen schienen. Doch nach und nach gewannen 500 Kilogramm Pferdekraft ihr Vertrauen und immer öfter sprangen Funken von Taminos Lebensfreude und Offenheit auf Nina über. Vier starke Beine, Kuschelmähne und sanfte Nüstern wurden in einem Jahr, in dem man gerade als Kind so oft auf sich allein gestellt schien, zu ihrem Felsen in der Brandung.
 
So auch heute: Wir starten los, zu Tamino, der sie sanft begrüßt, ihr ins Gesicht bläst und ihre Tränen trocknet. Nina sitzt auf seinem Rücken, sie hat wenig Körperspannung und ich traue mich kaum, sie aus den Augen zu lassen - aus Sorge, dass sie kraftlos in sich zusammensacken und fallen könnte. Wir spazieren schweigend auf die große Wiese, hoch über den Dächern Wiens, wo einem alles ein bisschen kleiner vorkommt. Wieder blicke ich zu ihr. Der kleine Körper hat bereits ein bisschen mehr Spannung. Ich frage Nina, ob sie traben möchte - sie bejaht. Vorsichtig beschleunige ich unsere Schritte bis wir ins Laufen kommen.
Auf einmal ein herzhaftes Lachen, tief von innen
Wir sind schon öfter getrabt, aber das habe ich bei ihr noch nie gehört. Tamino beginnt zu galoppieren, Nina jauchzt vor Freude. Nach einem kurzen Stück bleiben wir stehen. Sie schaut mich an. Ob wir das nochmals machen können und sie habe große Lust zu schreien, ob sie das darf? „Natürlich“, sage ich. Tamino und ich machen uns bereit und laufen los. Nina sitzt am Pferd und schreit.

Sie schreit so laut, dass es weit zu hören ist. Sie schreit alle Sorgen, Ängste und den Kummer aus sich heraus. Auf und mit Tamino geht das auf einmal. Ich bin überrascht - ich hätte niemals gedacht, dass dieses kleine zarte Mädchen so eine laute Stimme haben kann. Nina hört auf zu schreien und Tamino bleibt stehen.
Langsam treten wir den Heimweg an
Sie fragt mich, ob wir beim nächsten Mal ein Bild von ihr und Tamino machen können. Sie würde es gerne zuhause unter den Kopfpolster legen. Außerdem möchte sie endlich wieder Kathi, ein Mädchen aus ihrer Klasse treffen und ihr von Tamino erzählen. Ich schaue sie an. Sie sitzt am Pferd. Aufrecht und stolz.
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